Twitter-Archiv wird vermarktet

Twitter versilbert alle der mehr als 200 Milliarden Kurznachrichten seiner Nutzer. Jede einzelne davon mit emotionaler Tendenz, Ort und Zeit des Versands. Dieses Archiv erlaubt Trendvorhersagen und Manipulation – von unheimlichem Ausmaß.

Zu welchem Zweck wird ein digitales Archiv dieser Kurznachrichten dienen? Die schiere Menge macht eine Analyse der gedruckten Twitternachrichten unmöglich – hier eine Installation bei der eine Auswahl der aktuellen Tweets gedruckt wurde
Kaum dass am 1. März die neuen Datennutzungsregeln bei Google in Kraft getreten sind und ein geharnischter Beschwerdebrief europäischer Datenschutzbeauftragter in Mountain View eintraf, schickt sich nun das dritte große soziale Netzwerk an, seine Schätze zu versilbern. Twitter hat durchblicken lassen, wie das Unternehmen sich die Zukunft der Monetarisierung seiner Datenbestände vorstellt.

Normalerweise können Twitter-Nutzer die „Tweets“ genannten Kurznachrichten nur für den Zeitraum von einer Woche durchsuchen. Die britische Firma Datasift darf nun nicht nur wie bisher den aktuellen Datenstrom aus allen Tweets, sondern auch gegen eine monatliche Gebühr den Zugriff auf das gesamte Twitter-Archiv seit Januar 2010 vermarkten. Neben einer Stichwortsuche über den Bestand an Tweets können Filtertechniken eingesetzt werden, etwa um Inhalte nur von weiblichen Nutzern oder solchen in bestimmten Altersgruppen zu durchforsten.
Erstmals in der Geschichte der Menschheit

Das amerikanische Unternehmen Gnip bietet schon länger Zugriff und Werkzeuge für die Überwachung und Filterung der Datenströme aus einer Vielzahl von Internet-Diensten an. Diese waren jedoch in der Regel nur zeitlich beschränkt für die Vergangenheit verfügbar, nicht zuletzt bedingt durch die gigantischen Datenmengen, die zugreifbar gehalten werden müssen. Gnip und Datasift sind Exklusivpartner von Twitter, sie sind die Türsteher und Kassierer am Datenbergwerk. Datasift bietet zudem in einem weiteren Paket an, Twitter-Daten mit Informationen aus Google+ und Facebook zu verknüpfen.

Derzeit werden mehr als 250 Millionen Tweets pro Tag abgesetzt. Jeder einzelne dieser Tweets hat eine eindeutige Identifikationsnummer. Zusätzlich werden auch die Beziehungen zwischen den Tweets aufgezeichnet: Wer leitet die Kurznachricht eines anderen an die eigene Gruppe, wer gibt einen Link weiter, wer kommentiert, wer antwortet? Das weltweite Geschnatter eignet sich für mannigfaltige Analysen von Linguisten, Ethnographen, Soziologen oder Politologen. Niemals zuvor in der Geschichte der Menschheit wurde das ganz private oder das kollektive Denken und Fühlen, aber auch Kommunikationsmuster des Alltäglichen, Banalen so umfangreich aufgezeichnet, nie war es in dieser Weise zugänglich, sortier- und analysierbar.
Testmaterial für bewusste Manipulation

Doch nicht wissenschaftlicher Erkenntnisdrang treibt die Datenschürfer. Sie heben einen Schatz firmen-, marken- oder marktrelevanter Mitteilungen. Anhand der Stimmungen, die sich durch einfache Betrachtung von Merkmalen wie positiver oder negativer Wort-Konnotationen und Emoticons erschließen, lassen sich selbst ungefähre Vorhersagen zur Entwicklung wesentlicher Börsenindizes einige Tage im Voraus ableiten.
Das Entscheidende an der Verfügbarkeit der Twitter-Archive ist, dass sich nunmehr Algorithmen an historischen Daten testen lassen. Während man zuvor ein Vorhersageprogramm auf der Basis von Twitter-Stimmungen nur anhand aktuell verfügbarer Daten testen konnte, lassen sich nun Korrelationen von Ereignissen und Twitter-Trends retroaktiv prüfen, um die Algorithmen zu optimieren. Es ist wie bei automatischen Trading-Systemen, die in den Archiven nach vergleichbaren Trends und Situationen suchen, um daraus Vorhersagen für das Jetzt abzuleiten: Ihr Nutzen hängt von der digitalen Verfügbarkeit historischer Börsendaten in hoher Auflösung ab.

Eine ähnliche Entwicklung ist durch die Vermarktung der Twitter-Daten auch für andere Branchen zu erwarten. Unternehmen und Politiker werden versuchen, ihre PR und Werbung gezielt anhand aufgezeichneter Reaktionen zu optimieren und anzupassen. Bewusste Manipulationen der öffentlichen Meinung werden deutlich vereinfacht, es gibt nun genügend Testmaterial.
Macht ohne Kontrolle

Oft erinnert die Kommunikation über Twitter eher an ein Kneipengespräch mit lockerem Umgangston, das am nächsten Morgen vergessen ist. Dass alle Äußerungen durch ihren öffentlichen Charakter archivierbar und später verwendbar sind, ist den meisten Nutzern zwar abstrakt klar, schließlich kann man auch gezielt die Tweets einzelner Nutzer aufrufen. In der Praxis spielt dieses Wissen jedoch kaum eine Rolle.

Das Angebot von Twitter ist in gewisser Weise ein Novum. Sofern sie nicht von Dritten gespeichert werden, mutieren die zunächst öffentlichen Daten: Nach einer gewissen Zeit werden sie reprivatisiert und sind nur noch gegen nicht ganz geringe Geldbeträge zugänglich.

Es stellen sich daher grundsätzliche Fragen: Wer soll und darf die daraus erschließbaren Erkenntnisse erlangen und verwerten können? Die Gemeinschaft der Nutzer produziert die Daten, digitalisiert ihr Leben. Wer erntet die Früchte dieser digitalen Gemeinschaftsleistung – wieder nur wenige, die es sich leisten können? Die aus den Datensammlungen resultierende Macht durch die möglichen Einblicke ist de facto unreguliert, unbeobachtet und derzeit unkontrollierbar. Wer soll sie in Zukunft ausüben dürfen?

Twitters Datenvermarktungsstrategie passt nahtlos in den übergreifenden Trend im Social-Media-Gewerbe: Man bietet einen hinreichend nützlichen Dienst an, so dass er von vielen Menschen gern genutzt wird. Der Dienst an sich ist jedoch nicht das eigentliche Geschäft. Das Geld wird mit der direkten oder indirekten Vermarktung der dabei anfallenden digitalisierten Lebensäußerungen gemacht.

Den Datensammelunternehmen und ihren Türstehern stünde es gut an, die Resultate der Analysen aus den Daten, die wir ihnen überlassen, auch uns zugutekommen zu lassen. Die Gesamtheit dieser digitalen Lebensäußerungen könnte so quasi zur natürlichen Ressource aller werden.

Doch allein zu fordern, dass die Daten jedem zugänglich sein müssen, verbessert die Lage noch nicht entscheidend. Twitter hat eine Vereinbarung mit der größten Bibliothek der Welt, der Library of Congress in Washington, die alle öffentlichen Tweets seit 2006 erhält. Damit lässt sich jedoch praktisch wenig anfangen: Die Verarbeitungs- und Speicherkapazitäten, um aus den enormen Datenmengen Wissen zu extrahieren, das Macht bedeutet, sind derzeit nur Unternehmen und Staaten zugänglich. Erst aus der Kombination der Datenströme mit großer Verarbeitungskapazität und dem Wissen und der Software zu ihrer Analyse entstehen die Machtmittel, die den Informationsrohstofflieferanten gehören sollten: uns allen.

Quelle: F.A.Z.

Werbeanzeigen

Facebook führt neue Nutzungsbedingungen ein

Abstimmung gescheitert

Für Facebook gelten ab sofort neue Nutzungsbedingungen. Nur wenige Stunden, nachdem eine Befragung der Nutzer über die neuen Datenschutzrichtlinien an der hohen Beteiligungshürde gescheitert war, führte das Netzwerk die Regeln ein. Die Abstimmung war im Vorfeld als Farce kritisiert worden.

Facebook will nun sein Mitbestimmungsverfahren überarbeiten

Facebook hat die geplanten Änderungen der Regeln für Nutzung und Datenschutz in Kraft gesetzt, nachdem eine Abstimmung der Mitglieder an der hohen Beteiligungshürde gescheitert ist. Facebook-Kommunikationsschef Elliot Schrage verteidigte die Entscheidung unter anderem damit, dass die neuen Richtlinien für mehr Transparenz sorgten.

Zu der Abstimmung war es gekommen, weil mehr als 7000 Nutzer Kommentare zu den Mitte Mai veröffentlichten Änderungsvorschlägen an der Richtlinie zur Datenverwendung abgegeben hatten. Für diesen Fall sehen die Facebook-Regeln vor, dass alle Mitglieder über einen Entwurf abstimmen können. Damit das Abstimmungsergebnis für das Online-Netzwerk bindend gewesen wäre, hätten daran allerdings 30 Prozent der aktiven Nutzer teilnehmen müssen. Das wären nach jüngsten Mitgliederzahlen rund 270 Millionen.

Nur 0,04 Prozent stimmten ab

Bis Ablauf der Wochenfrist am Freitagabend hatten aber nur 342.632 Mitglieder ihre Stimme abgegeben – weniger als 0,04 Prozent. Unter den Teilnehmern der Abstimmung gab es eine überwältigende Ablehnung der neuen Richtlinien: Lediglich 44.749 stimmten dafür, 297.883 dagegen.

Angesichts der niedrigen Beteiligung kündigte Facebook an, das Verfahren zur Beteiligung der Nutzer erneuern zu wollen. Die 30-Prozent-Regelung stammt noch aus einer Zeit, da das Netzwerk deutlich weniger Mitglieder hatte. Deutsche Datenschützer hatten die Abstimmung unter anderem angesichts der hohen Beteiligungshürde als Farce kritisiert.

Facebooks Entwurf für die Datenschutz-Richtlinie sieht neben zahlreichen Erläuterungen und Präzisierungen unter anderem auch vor, dass einige Informationen länger als bisher aufgehoben werden können. „Wir werden Daten so lange einbehalten, wie dies erforderlich ist, um den Nutzern und anderen Dienstleistungen zur Verfügung zu stellen. Diese umfassendere Verpflichtung gilt für alle Daten, die wir über Dich sammeln und erhalten, einschließlich Informationen von Werbetreibenden“, heißt es an einer Stelle. Zugleich betont Facebook, dass Daten zu sogenannten Social Plugins wie dem „Gefällt mir“-Button maximal 90 Tage gespeichert würden. FAZ.net